Granfondo San Gottardo: Drei Pässe und ein guter Plan
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Ein Trainingsplan, der zum Alltag passt, trägt auch mit wenig Zeit durch den Granfondo San Gottardo.
- Pacing und Verpflegung haben wir vorher geplant, am Eventtag bin ich mitgefahren.
- Das Ergebnis: neue 60-Minuten-Bestleistung und Top-20 Platzierung bei den Frauen.
Im August bin ich mit Martina den Granfondo San Gottardo gefahren, nicht gegen sie, sondern an ihrer Seite. Für sie war es die erste Teilnahme und das Hauptevent ihres Sommers. Für mich war es der Auftakt zu drei Events an drei Sonntagen: Eine Woche später stand der Ötztaler Radmarathon an, noch eine Woche später der Kitzbüheler Radmarathon. Den Gotthard bin ich deshalb als Warm-up gefahren und habe mich vor allem darauf gefreut, Martina einmal über so eine lange Strecke zu begleiten.
Das Event: drei Pässe, gewertet wird nur bergauf
Der Granfondo San Gottardo führt im Tessin über drei Alpenpässe: zuerst über die gepflasterte Tremola auf den Gotthardpass, dann über den Furkapass und zum Schluss auf den Nufenenpass. Die lange Strecke hat rund 115 Kilometer und über 3.000 Höhenmeter. 2026 waren knapp 400 Fahrerinnen und Fahrer am Start.
Das Besondere: Gewertet werden nur die Zeiten an den drei Anstiegen. Oben nach der Zeitmessung kannst du so lange Pause machen, wie du willst, und in den Abfahrten kommt keine Hektik auf. Jede und jeder fährt im eigenen Tempo sicher hinunter, es zählt allein die Kraft bergauf.

Anders als beim Ötztaler Radmarathon sind die Straßen nicht komplett gesperrt. An wichtigen Stellen halten Ordner den Verkehr kurz an, ansonsten teilst du dir die Straße mit Autos und anderen Radfahrern.
Die Vorbereitung: wenig Zeit, guter Plan
Martina lebt in München, ich begleite sie nebenbei im Training. Bis Ende Mai steckte sie in der Hochzeitsvorbereitung. Als Trauzeuge ihres Mannes weiß ich, wie wenig Zeit da zum Trainieren bleibt. Deshalb haben wir ihren Trainingsplan in TrainerRoad auf die Stunden abgestimmt, die neben Arbeit und Leben wirklich übrig waren. Lieber weniger und dafür regelmäßig. Warum das funktioniert, liest du im Beitrag Trust the Process.
Anreise und Vorabend
Die Anreise von Hamburg ist lang. Ich habe in Lörrach übernachtet und bin am nächsten Tag weiter nach Ambrì gefahren. Weil am Gotthardtunnel wie so oft Stau war, bin ich kurzerhand mit dem Auto über den Pass gefahren. Oben, mit Blick ins Tal auf Ambrì und den stillgelegten Flugplatz, auf dem das Event startet, sah ich die vielen Kehren unter mir und dachte nur: Da sollen wir morgen mit dem Rad hoch?

Am Vorabend sind Martina und ich das Event noch einmal in Ruhe durchgegangen und haben über Pacing und Verpflegung gesprochen. Dann haben wir unsere Kohlenhydratmischung in kleine Tüten portioniert, die in die Trikottasche passen und schnell in die Trinkflaschen gekippt werden können.
Pacing: ihr Tempo, ihre Entscheidung
Vor dem Event haben wir uns gemeinsam ihre Leistungsdaten angeschaut. Auf dieser Grundlage hat Martina selbst entschieden, in welchem Tempo sie die Pässe fahren will. Das war mir wichtig. Nach meiner Erfahrung hältst du einen Plan, hinter dem du selbst stehst, auch dann durch, wenn es am dritten Pass wehtut. Und bei drei langen Anstiegen ist die Versuchung groß, schon am ersten zu überziehen.
Verpflegung: vorher rechnen, selbst mitnehmen
Bei einem Event dieser Länge entscheidet die Verpflegung mit. Eine Übersichtsarbeit zur Sporternährung zeigt, dass Kohlenhydrate ab etwa zwei Stunden Belastung zum entscheidenden Treibstoff werden. Der Nutzen zeigt sich meist ab der dritten Stunde, und die empfohlene Menge steigt mit der Dauer.
Deshalb haben wir vorher berechnet, wie viele Kohlenhydrate Martina pro Stunde braucht, und 90 bis 100 Gramm angepeilt. Das liegt am oberen Ende dessen, was die Übersichtsarbeit für so lange Belastungen nennt, und klappt nur mit einer Mischung verschiedener Zuckerarten, etwa Glukose und Fruktose. Nach meiner Erfahrung solltest du so eine Menge vorher im Training testen und nicht erst am Eventtag.
Bei den meisten Events weißt du außerdem nicht, wie viele Kohlenhydrate in den Getränken an der Verpflegung stecken. Wenn du sicher auf deine Menge kommen willst, nimmst du deine Mischung nach meiner Erfahrung besser selbst mit. Am Eventtag habe ich Martina dann regelmäßig ans Essen und Trinken erinnert. Wer sich auf den Anstieg konzentriert, vergisst das schnell.

Am Eventtag: Begleitung vom Rad aus
Ich bin die ganze Strecke mit Martina gefahren. Den Großteil ihrer Verpflegung und die Kleidung, die sie zwischendurch nicht brauchte, habe ich getragen und ihr vom Rad aus gereicht. So hatte sie weniger Gewicht dabei und musste seltener anhalten.
Zur Einordnung: Ich bin das ganze Event mit einer Normalized Power, also einer geglätteten Durchschnittsleistung, von rund 200 Watt gefahren, bei einer FTP von damals etwa 310 Watt. Das Zusatzgewicht hat mir nichts ausgemacht, und der Gotthard war ja nicht mein Hauptevent.
Wo es nötig war, bekam sie meinen Windschatten. Direkt hinter einem anderen Fahrer sinkt der Luftwiderstand laut einer Strömungssimulation im Unterlenker um gut 20 Prozent. Bergauf bei niedrigem Tempo bringt das weniger, im Tal zwischen den Pässen dagegen viel. Und über so viele Stunden auf dem Rad war das Wichtigste oft einfach ein Hinterrad zum Dranbleiben und jemand, der sagt: Das sieht gut aus, weiter so.
Ein guter Plan nimmt dir am Eventtag die Entscheidungen ab. Du musst nur noch fahren.
Start in Ambrì und die Tremola
Los ging es um 8 Uhr auf dem Rollfeld des stillgelegten Flugplatzes von Ambrì. Es war wärmer als gedacht, Windweste und Armlinge reichten, eine dicke Jacke war nicht nötig. Die Sonne kam schnell durch, und es blieb den ganzen Tag perfektes Wetter. Vor dem Start wurde kontrolliert, ob alle ein funktionierendes Vorder- und Rücklicht dabeihaben. Wir waren vorbereitet und sind pünktlich mit der ersten Gruppe losgerollt, bis zur Tremola mit der Polizei vorneweg.
Wo die Zeitmessung an der Tremola genau beginnt, war nicht gut zu erkennen. Aus der Vorbereitung wussten wir aber, ab welchem Kilometer sie ungefähr startet, und sind ab da nach Plan hochgefahren. Das Kopfsteinpflaster lässt sich bergauf gut fahren. Weil du langsam unterwegs bist, wirst du nicht stark durchgeschüttelt, bist oben aber trotzdem froh über glatten Asphalt. Bergab würde ich die Tremola nicht fahren wollen, bei hohem Tempo wäre sie mir zu unruhig.

Kalte Abfahrt und Furka
Oben am Gotthard haben wir kurz die Flaschen aufgefüllt und Gels vom Veranstalter eingesteckt. Dann Windjacke zu, Armlinge hoch und ab in die Abfahrt Richtung Furka. So früh am Morgen war sie richtig kalt. Ich musste den Lenker gut festhalten, weil ich vor Kälte leicht zitterte. Erst als die Straße flacher wurde, wurde es angenehmer, und kurz vor der Zeitmessung am Furka wanderten Jacke und Armlinge wieder in die Trikottasche.
Während wir hochfuhren, startete in Realp die historische Dampfbahn auf der Furka-Bergstrecke. Ihre Dampfwolke hatten wir links im Tal immer wieder im Blick, zum Glück nicht in der Nase.
Im letzten Drittel des Anstiegs ließen Martinas Kräfte zum ersten Mal nach. Ich habe ihr Gels und Kohlenhydratflaschen gereicht und sie motiviert, weiter Druck aufs Pedal zu bringen. Geholfen haben auch die Fahrer vor uns: Die wollte die Rennfahrerin in ihr einholen. Oben war sie trotzdem ziemlich leer, deshalb haben wir eine längere Pause gemacht. Es gab Suppe und Salzstangen, nach dem süßen Getränk in den Flaschen ein willkommener Kontrast, dazu Brötchen. Die Verpflegung war wirklich sehr gut.

Panorama und Nufenen
Die Abfahrt vom Furka führt am Hotel Belvedere vorbei, einem bekannten Aussichtspunkt mit viel Verkehr und einem wunderbaren Panorama. Diese Strecke will ich irgendwann einmal in die andere Richtung hochfahren. Unten im Tal haben wir kurz angehalten, mit zwei anderen Radfahrern Gummibärchen genascht und uns ausgetauscht. Die beiden fuhren vor uns los, kurz vor der Passhöhe des Nufenen haben wir sie wieder eingeholt.
Im Tal war es inzwischen warm geworden. Der Nufenen ist als letzter der drei Pässe noch einmal sehr lang, steigt aber recht gleichmäßig. Für die 13,3 gewerteten Kilometer brauchte Martina 1:19 Stunden, die ganze Zeit an meinem Hinterrad. Ich bin dabei mit einer Normalized Power von 213 Watt gefahren. Immer wieder habe ich sie erinnert: dranbleiben, fokussieren, Druck aufs Pedal und weiter essen, auch wenn es gegen Ende schwerfällt. Martina hat das mit eisernem Willen durchgezogen und ganz oben sogar noch einen Schlusssprint angezogen, als ginge es in einer Grand Tour um den Etappensieg.
Oben war die Freude groß. Das Schwerste lag hinter uns, und mit all den anderen, die es bis dahin geschafft hatten, herrschte eine richtig schöne Stimmung.

Das Ergebnis
Nach einer Pause in der Sonne ging es in die schnelle Abfahrt und dann fast flach, nur mit kleinen Wellen, über Airolo zurück nach Quinto. Weil das Schwerste geschafft ist, kannst du es hier noch einmal laufen lassen, und auch die Gruppen um uns herum hatten Lust auf Tempo. Freudestrahlend kam Martina mit mir auf dem Rollfeld ins Ziel.Insgesamt war sie knapp 7:50 Stunden unterwegs, davon rund 5:50 Stunden in Bewegung, für 115 Kilometer und 3.164 Höhenmeter. Ihre Zeiten an den drei gewerteten Anstiegen:
- Tremola zum Gotthardpass: 12,3 km in 1:02:52, im Schnitt 11,7 km/h
- Furkapass: 12,0 km in 59:26, im Schnitt 12,1 km/h
- Nufenenpass: 13,3 km in 1:19:09, im Schnitt 10,0 km/h
Martina ist an diesem Tag ihre beste Stunde gefahren, die sie je gemessen hat: 169 Watt. Am Ende stand Platz 19 bei den Frauen und Platz 14 in ihrer Altersklasse, und sie war mit ihrer Leistung super happy. Weil Martina Italienisch spricht, hat der italienische Moderator sie im Ziel gleich interviewt, ein witziges Highlight zum Schluss. Abends gab es, wie es sich gehört, Pizza.

Konrad ist für mich genau der richtige Coach, um ambitionierte Ziele auf dem Rennrad zu erreichen, ohne den Spaß am Sport zu verlieren.
Martina

- Plan nach deiner echten Zeit: Lieber wenige Stunden regelmäßig als viele, die nur im Plan stehen.
- Pacing selbst festlegen: Entscheide vorher anhand deiner Daten, wie schnell du die Anstiege fährst.
- Verpflegung berechnen: Leg fest, wie viele Kohlenhydrate du pro Stunde isst, und stell dir eine Erinnerung.
- Mischung selbst mitnehmen: Portionier deine Kohlenhydrate vorab, statt dich auf die Getränke vor Ort zu verlassen.
- Für kalte Abfahrten packen: Nimm bei frühem Start in den Bergen eine robustere Jacke und lange Handschuhe mit.
- Wertung kennen: Wo nur bergauf gewertet wird, sparst du bergab Kraft und fährst sicher.
Was du für dein Event mitnehmen kannst

Aus meiner Erfahrung
Am Eventtag selbst lässt sich kein Watt mehr dazutrainieren. Was ich tun kann, ist Druck rausnehmen: Flaschen, Kleidung, Tempo, Essen. Insgesamt hat die Begleitung sehr gut funktioniert, drei Dinge würde ich beim nächsten Mal trotzdem anders machen. Erstens kläre ich vorher, wie gut die Person über viele Stunden Süßes verträgt, und packe salzige Alternativen wie einen herzhaften Riegel ein, bevor irgendwann kein Gel mehr runtergeht. Zweitens nehme ich für frühe Abfahrten eine dickere Jacke und lange Handschuhe mit. Bei uns ist nichts passiert, aber wer vor Kälte zittert, bremst unsicherer und fährt unkonzentrierter, und so eine Jacke braucht kaum Platz. Drittens ist Motivation über so viele Stunden entscheidend. Es hilft sehr, wenn du die Person schon kennst und weißt, was sie antreibt und was eher nicht.
Du hast ein Event im Kalender und willst es nicht allein angehen? Im Coaching planen wir Training, Pacing und Verpflegung gemeinsam. Auf Wunsch begleite ich dich auch am Eventtag selbst.
Häufige Fragen
Wie lang ist der Granfondo San Gottardo?
Die lange Strecke hat rund 115 Kilometer und über 3.000 Höhenmeter über Gotthard-, Furka- und Nufenenpass.
Wird beim Granfondo San Gottardo die ganze Strecke gewertet?
Nein, gewertet werden nur die Zeiten an den drei Anstiegen. In den Abfahrten fährt jede und jeder im eigenen Tempo.
Wie bereite ich mich mit wenig Zeit auf ein Alpen-Event vor?
Mit einem Plan, der auf die Stunden abgestimmt ist, die neben Arbeit und Leben wirklich übrig sind. Lieber weniger und dafür regelmäßig.
Quellen
- Jeukendrup, A. (2014): A step towards personalized sports nutrition: carbohydrate intake during exercise. Sports Medicine, 44(Suppl 1), S25-S33. springer.com
- Blocken, B., Defraeye, T., Koninckx, E., Carmeliet, J. & Hespel, P. (2013): CFD simulations of the aerodynamic drag of two drafting cyclists. Computers & Fluids, 71, 435-445. sciencedirect.com
- Gran Fondo Daily News (2026): Canadian KOM hunter Barrett conquers Tremola's cobbles at Granfondo San Gottardo. granfondodailynews.com
Über den Autor
Ich bin Konrad, Radsport-Trainer mit B-Lizenz von German Cycling und selbst ambitionierter Rennradfahrer. Mit vortriebwerk begleite ich dich bei Bikefitting, Diagnostik und Coaching, sportphysiotherapeutisch fundiert. Bikefitting und Diagnostik gibt es für Hamburg und Niedersachsen, das Bikefitting auf Wunsch auch mobil bei dir, das Coaching online.
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